Kurt Lüscher, Markus Zürcher
Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche und Verwerfungen bieten die Chance, sich auf grundlegende Fragen der Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens zu besinnen. Dazu gehören die Verantwortlichkeiten, die wir als Angehörige unterschiedlicher Generationen füreinander haben, als Junge und als Alte, als Kinder, Eltern und Grosseltern, als Lehrer und Lehrerinnen, Schüler und Schülerinnen, als Erbende und Vererbende, als heute Lebende im Blick auf die künftig Lebenden. Letztlich geht es um die Stiftung von Lebenssinn und um die Vorstellungen, die wir von uns als Person und als Gemeinschaften haben.
Wenn wir uns die Tragweite dieser Fragen für den Einzelnen und die Gesellschaft vergegenwärtigen, sind wir in Gefahr zu übersehen, dass sich diese Verantwortlichkeiten in den ganz konkreten Aufgaben der alltäglichen Lebensführung, der Verwaltungsarbeit und der Auseinandersetzung um wirtschaftliche und soziale Interessen und dem Ringen um Kompromisse stellen. Doch bisweilen gibt es Anstösse, die den Blick für die grösseren Zusammenhänge öffnen.
Das trifft gegenwärtig für die Einsichten zu, die sich aus Daten über den demographischen Wandel gewinnen lassen. Nicht nur, dass sich die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen verlängert (allerdings nicht für alle im gleichen Masse), sondern es werden auch weniger Kinder geboren (obgleich in allerjüngster Zeit wiederum eine gewisse Wende beobachtet wird). Nimmt man die Wanderungsbewegungen hinzu, ergeben sich nur schon aus der Zusammensetzung der Bevölkerung in der Gegenwart und der absehbaren Zukunft erhebliche Veränderungen. Es zeichnen sich sowohl Belastungen als auch neue Möglichkeiten in der sozialen Organisation des Zusammenlebens ab.
In dieser Situation möchten wir ein neues Stichwort in die öffentlichen Diskurse einbringen: «Generationenpolitik». Wir wollen damit nicht ein weiteres Feld der Politik und auch keine neue Verwaltungsabteilung etablieren. Es geht zunächst um eine Idee, von der wir annehmen können, dass sie ungeachtet aller politischer Interessen und Richtungen konsensfähig ist. Denn dass wir als Alt und Jung aufeinander angewiesen sind und dass die Art und Weise, wie wir gemeinsam die aktuellen Aufgaben des Zusammenlebens gestalten, auch für das Wohlergehen künftig lebender Generationen bedeutsam ist, versteht sich eigentlich von selbst. Doch wie andere Selbstverständlichkeiten wird auch diese im alltäglichen politischen Geschäft übersehen.
Mit diesem Buch möchten wir nachdrücklich darauf hinweisen. Doch wir wollen uns nicht damit begnügen. Gemeinsam mit Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen und unterschiedlichen Feldern der politischen Praxis möchten wir die dynamische Vielfalt der Generationenbeziehungen vergegenwärtigen. Wir möchten dabei zeigen, in welcher Weise sie – direkt oder indirekt – durch politisches Handeln bereits jetzt beeinflusst werden. Wir möchten auf absehbare Entwicklungen hinweisen und neue Aufgaben umschreiben. Dabei zeigt sich, wie allgegenwärtig und wichtig die Generationenbeziehungen in allen Bereichen des Zusammenlebens sind, den öffentlichen ebenso wie den privaten und dort, wo diese sich durchdringen. Darum ist die Idee der Generationenpolitik geeignet, neue integrative Sichtweisen zu entwickeln.
Wir möchten indessen auch einen Beitrag zur Begründung politischer Initiativen und Massnahmen leisten. Dabei gilt unsere Aufmerksamkeit nicht nur dem staatlichen Handeln, sondern ebenso sehr dem freiwilligen zivilgesellschaftlichen Engagement. Es hat in der Schweiz eine lange und starke Tradition. Die Generationenperspektive nimmt sie auf und richtet den Blick auf die Zukunft. Es ist dies eine Zukunft, die geprägt ist von einem neuen, umfassenden Verständnis von Bildung in allen Lebensphasen und Tätigkeitsbereichen. Es ist dies auch eine Zukunft, die eine aktive Teilhabe aller erfordert. Dazu sind die Voraussetzungen immer wieder von Neuem zu schaffen. Die Forderung nach Gerechtigkeit gilt zwar als sehr allgemein, bisweilen sogar abgegriffen. Doch das ändert nichts daran, dass die ihr zugrunde liegenden humanen Anliegen immer wieder neu zu bedenken sind. Die Idee der «Generationengerechtigkeit» bietet dazu aktuelle Anstösse. Denn Generationenbeziehungen sind nicht irgendwelche soziale Beziehungen, sondern jene, die über den Entscheid zur Elternschaft, über das Zusammenleben in allen privaten Lebensformen, durch die Gestaltung erzieherischer Verhältnisse von der Krippe über Schule, Weiterbildung bis zur Seniorenuniversität die Persönlichkeitsentwicklung prägen.
Skeptiker und Kritiker werden gegen die Beiträge in diesem Buch vorbringen, dass sie noch nicht die wünschbare Praxisnähe und Konkretheit aufweisen. Das möchten wir nicht bestreiten. Wir möchten und können Anstösse formulieren – nicht mehr, aber auch nicht weniger! Wir stützen uns auf eine Reihe (im Anhang dokumentierter) Werkstattgespräche, die wir im Rahmen des «Netzwerks Generationenbeziehungen der SAGW» durchgeführt haben. Wir haben dabei Partnerschaften und Kooperationen gepflegt, so vorab mit dem Geschäftsfeld «Familie, Generationen und Gesellschaft» im Bundesamt für Sozialversicherungen, im Weiteren mit dem von 2003 bis 2008 durchgeführten Nationalen Forschungsprogramm «Kindheit, Jugend und Generationenbeziehungen im gesellschaftlichen Wandel» (NFP 52) und last but not least mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie mit in der Publizistik und zivilgesellschaftlichen Organisationen aktiven Persönlichkeiten. Wir haben bei diesen Aktivitäten die besonderen Möglichkeiten der Akademie als Mittlerin zwischen Universitäten, Verwaltung und zivilgesellschaftlichen Organisationen nutzen können.
Jetzt sind wir überzeugt, dass die Zeit gekommen ist, sich an eine weitere Öffentlichkeit zu wenden. Das geschieht mit diesem Buch. Die Beiträge werden als Erstes im Rahmen einer Tagung am 18. November 2010 in Bern diskutiert werden. Anders als üblich dokumentiert das Buch also nicht die Tagung, sondern umgekehrt: Es provoziert sie und – wie wir hoffen – darüber hinaus weitere Diskussionen und Initiativen.

